Deutschland
July222
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War die Reichsgründung von 1871 eine "Revolution von oben"? Anton von Werners Gemälde "Die Proklamation Wilhelms I. zum deutschen Kaiser" stellt einen der großen Momente der deutschen Geschichte dar: die Reichsgründung von 1871. Dieses Gemälde drückt aus, dass die nationale Einheit den deutschen Fürsten, vor allem dem Königshaus Hohenzollern, zu verdanken ist - eben eine "Revolution von oben" war und nicht wie 1848/49 vom Volke ausging. Wie sieht das die gutefrage-Community? War die Reichsgründung eine Revolution von oben? Oder gibt es Belege, dass auch das Volk an der Schaffung eines vereinten Deutschlands beteiligt war? Ich freue mich auf Euere Kommentare.

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(5) Antworten
Tomohawk490

Eine Revolution ist eine tiefgreifende Umwälzung. Eine Anzahl von Zeitgenossen hat die Reichsgründung als „Revolution von oben“ bezeichnet. Völlig abwegig ist diese Betrachtungsweise daher nicht. Allerdings gibt es keine breitangelegte umfassende Veränderung. Der Begriff „Revolution“ kann höchstens sehr eingeschränkt herangezogen werden. Neu ist nur der staatliche Organisationsrahmen. Innenpolitisch wurde keine Revolution vollzogen. Die Herrschaftsverhältnisse innerhalb der Gesellschaft veränderten sich nicht. Die politischen Führungsschichten blieben an der Macht. Die Reichsgründung hatte als Ergebnis den einheitlichen Nationalstaat Deutschland. Dabei wurden gewaltsame Mittel eingesetzt (Kriege 1864, 1866, 1870/1). 1866 annektierte Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt. Dabei wurden historisch entstandene Staaten und nach traditionell-konservativer Sichtweise legitime Dynastien beseitigt. Auch eine gewisse Vereinheitlichung und Modernisierung, die mit dem Deutschen Kaiserreich kam, störte altkonservativ Eingestellte. Die Reichsgründung hat die Einheit verwirklicht, ein Ziel der gescheiterten Revolution 1848/9, aber nicht die Freiheit, wie sie damals erhofft wurde. Eine Beteiligung des Volkes kann in einer inneren Nationsbildung gesehen werden. Es gab Entwicklungen zu einem einheitlicheren Wirtschaftsraum (der Zollverein war dabei eine wichtige Einrichtung). Eine nationale Bewegung war vorhanden und Bismarck hat ihre Schubkraft für seine Ziele verwendet. Bei dem Krieg gegen Frankreich gab es große Zustimmung. Die Verfassung war im Wesentlichen die 1867 beschlossene Verfassung des Norddeutschen Bundes. Bismarck ist seit 1866 den Nationalliberalen etwas entgegengekommen (Einheit als Ziel, Schaffung einer Verfassung und Spielraum in der Wirtschaft). Dabei war aber die Anerkennung seiner Leitung und der Vorherrschaft der preußischen Führungsschicht Grundlage. Die Zusammenarbeit konnte auch beendet werden (1878). Der mobilisierte Nationalismus ist nicht verschwunden, hat sich aber von einer liberalen und demokratischen Ausrichtung zunehmend entfernt. Das Volk hat an dem Akt der Reichsgründung nicht mitgewirkt. Es war Adressat der bei der Kaiserproklamation verlesenen Ansprache. Der Reichstag des Norddeutschen Bundes und die Landtage der süddeutschen Staaten haben der Verfassung für das Deutsche Kaiserreich zugestimmt. Wirklich politisch gestaltet haben sie diese dabei nicht. Am 18. Dezember 1870 hat eine Delegation von Abgeordneten des Norddeutschen Reichstages (Kaiserdeputation) mit dem Reichstagspräsidenten Eduard Simson an der Spitze König Wilhelm I. von Preußen in Versailles besucht und ihn gebeten, die Kaiserkrone anzunehmen (Kernaussage der am 10. Dezember beschlossenen Adresse: „Vereint mit den Fürsten Deutschlands naht der Norddeutsche Reichstag mit der Bitte, daß es Ew. Majestät gefallen möge, durch Annahme der deutschen Kaiserkrone das Einigungswerk zu weihen“.). Das allgemeine (für Männer) und gleiche Wahlrecht war für die damalige Zeit fortschrittlich (Bismarck hat bei der Einführung 1867 an eine eher konservative Einstellung in der Landbevölkerung gedacht). Das Deutsche Kaiserreich war aber eine konstitutionelle Monarchie. Ein vollständiges parlamentarische System wurde nicht geschaffen (Regierung nicht dem Parlament gegenüber verantwortlich). In Preußen, das eine Hegemonie im Bundesrat hatte, blieb bis 1918 das Dreiklassenwahlrecht in Kraft.

Itachi19

http://www.geschichte-lexikon.de/deutsche-reichsgruendung.php Man nennt sie als Eine Revolution von oben, aber normaler Weise ist eine Revolution eine gewaltsame Absetzung einer Regierung/System, was bei der Reichsgründung ja nicht der Fall war. Es war ein Anschluss ohne jegliche Veränderung der Verhältnisse, nur alle unter einem Dach, fast so wie in der BRD 1989.

Kaikiller93

kann schon sein, da es alles von bismark aus gelenkt wurde, der die dänen, ostereicher und franzosen unterworfen und dann den kaiser krönen ließ. ich denke du hast recht, denn von unten wäre so etwas nie möglich egwesen. aber es ist ja nicht so, dass es den leuten schlechter ging. das war immerhin eine der besseren zeiten, die deutschland durchgemacht hat.

Role02

Eine Revolution ist ja eine tiefgreifende Veränderung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse. Daher finde ich diese Bezeichnung hier unangebracht. Das einzige, was sich verändert hat, war ja, dass es jetzt ein geeintes Deutschland gab; die Herrschaftsverhältnisse, zementiert durch ein extrem ungerechtes Wahlrecht, blieben ja weitgehend unangetastet. Es dürfte für die Einzelnen kaum Unterschied gemacht haben, ob ihr oberster Feudalherr nun König von Hannover, Preußen oder Kaiser von Deutschland war. Dass das deutsche Bürgertum schon einiges erreicht hatte und insofern auch Wegbereiter der deutschen Einigung war, trotz der gescheiterten 48er Revolution, sieht man ja an der Schaffung des deutschen Zollvereins, der ja vor allem auf Bestrebungen des Bürgertums zurückging. Auch der preußisch-österreichische Krieg diente ja in gewisser Weise als Vorbereitung. Wie weit das deutsche Volk da allerdings einen Anteil hatte, ist wohl sehr fraglich.

Jonas584

Hallo waterloo186, Deine Frage kann ich "in aller Kürze" mit einem klaren Ja beantworten! Eine längst überfällige Vereinigung aller deutschen Stämme, die bis dahin in vielen Kleinstaaten ihr Dasein fristeten, konnte nur von einem Ausnahme- und Jahrhundertpolitiker wie "Otto von Bismarck", von oben gelenkt, gesteuert und geregelt werden! Wenn nicht Otto von Bismarck die deutschen Fürsten und das Haus Hohenzollern manipuliert hätte, würde es vermutlich noch heute viele deutsche Staaten geben, letztendlich Spielbälle ausländischer Interessen nach dem Prinzip, "Teilen und herrschen"!

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